Interviewfragen zum Fachkräfteeinwanderungssgesetz, das am 1. März 2020 in Kraft tritt, beantwortet von Rita Pauls, Berlitz, 20.11.2019

Wie bewerten Sie das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das am 1. März 2020 in Kraft tritt?

 

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz schafft gute und richtige Ansätze, um qualifizierte Fachkräfte bereits im Ausland erfolgreich und dauerhaft für das Leben und Arbeiten in Deutschland anzuwerben. Die Personen, die als Fachkräfte nach Deutschland kommen möchten, müssen zahlreiche Hürden nehmen, bevor sie überhaupt ihre Reise nach Deutschland antreten dürfen.

 

Welche Hürden sind das konkret?

 

Die Fachkräfte müssen bereits in ihrem Heimatland gute Deutschkenntnisse erwerben, eine anerkannte Ausbildung absolviert und einen Arbeitgeber haben, der sie hier bei uns beschäftigt. Im Fall von Pflegekräften beispielsweise müssen die Personen im Heimatland, z.B. in Mexiko oder den Philippinen, rund ein halbes Jahr lang einen Deutschkurs bis zum Abschluss B1 absolvieren. Wir unterstützen zukünftige Arbeitgeber schon bei der Rekrutierung, helfen bei Absprachen mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), organisieren Skype Calls oder übersetzen Dokumente, die für die berufliche Anerkennung in Deutschland benötigt werden. Kurzum: Diese Personen werden gezielt angeworben und auf das Leben und die Arbeit in Deutschland bestmöglich vorbereitet, damit die berufliche und kulturelle Integration schnell und erfolgreich gelingt.

 

Wird das Fachkräfteeinwanderungsgesetz aus Ihrer Sicht als Expertin so funktionieren wie beschlossen?

 

Es ist grundsätzlich ein gutes Gesetz, das richtige und wichtige Signale setzt, um den evidenten Fachkräftemangel hierzulande wenigstens ein bisschen abzufedern. Es wird sich – wie fast jedes Gesetz auch – in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Am deutschen Arbeitsmarkt fehlen rund 440.000 qualifizierte Arbeitskräfte. Diese offenen Stellen können nicht mit deutschen Arbeitssuchenden besetzt werden. Bedenkt man, dass der Fachkräftemangel in Deutschland weiterwächst und – laut Forschungsinstitut Prognos bis 2030 rund drei Millionen Fachkräfte fehlen könnten – wird deutlich, dass auch unsere Gesetze weitere Rahmenbedingungen schaffen müssen, um diese Lücke ansatzweise zu schließen.

 

Wie viele Personen hat Berlitz bislang schon im Ausland rekrutiert und in Deutschland integriert?

 

Seit 2017, als Berlitz in diesem Segment gestartet ist, haben wir zusammen mit Kliniken, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder der zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), mehrere 100 Fachkräfte bereits im Ausland sprachlich geschult und so auf das Leben in Deutschland vorbereitet. Da die Vorbereitung in dem Heimatland der Fachkräfte schon mindestens rund ein halbes Jahr dauert, steigt die Zahl der Fachkräfte, die so nach Deutschland kommen, stark an, da Berlitz viele Projekte erst in 2019 gestartet hat. Allein in 2020 werden um die 500 Personen hier ihre Arbeit aufnehmen, die wir sprachlich und interkulturell auf das Leben in Deutschland vorbereiten. In den Folgejahren werden das dann sicherlich noch mehr sein.

 

Mit wem arbeitet Berlitz im Segment Fachkräftegewinnung im Ausland zusammen?

 

Das sind überwiegend Klinikverbände oder einzelne Kliniken, bundesweite und regionale Pflegedienstleister oder auch Personalvermittler. In anderen Branchen sind es Unternehmen in der IT-Branche, im Bau oder der Industrie.

 

In welchen Branchen ist der Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland denn am größten?

 

In reglementierten Berufen, die auch gesellschaftspolitisch eine große Rolle spielen, wie in der Pflege und bei Ärzten. Hier ist der Fachmangel besonders groß: Allein in 2020 werden bundesweit insgesamt rund 5.000 weitere Ärzte benötigt. Dieser Bedarf lässt sich mit deutschen Medizinern bei weitem nicht decken. Schon heute kommt jeder Achte der rund 400.000 Ärzte aus dem Ausland, die Tendenz ist weiter steigend. Das gleiche gilt für den Pflegebereich: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft werden in 2020 in der ambulanten und stationären Pflege insgesamt 376.000 Pflegekräfte benötigt. Besonders betroffen ist auch die Baubranche: Laut Arbeitsmarktreport 2019 der Deutschen Industrie- und Handelskammer suchten 61 Prozent der Bauunternehmen 2018 vergeblich nach passenden Mitarbeitern. Das IW Köln beziffert den aktuellen Mangel an Fachkräften im Baugewerbe auf 70.000 Stellen. In anderen Branchen ist der Bedarf ähnlich hoch, beispielsweise Hotel- und Gaststätten, Handwerk, Technik, IT und Logistik.

 

Warum schließt man die Lücke bei den Pflegekräften nicht mit den Flüchtlingen aus den nordafrikanischen Ländern oder Afghanistan?

 

In Ländern wie Mexiko oder den Philippinen gibt es zahlreiche sehr gut ausgebildete Krankenschwestern und Pflegerinnen, die bereit sind, ihr Heimatland dauerhaft zu verlassen, weil sie in Deutschland die Chance sehen, sich eine Existenz aufzubauen und deshalb hoch motiviert sind. Die vorhandene Qualifikation, die Einstellung sowie das Pflegeverständnis der Fachkräfte sind entscheidend für die erfolgreiche Integration.

 

Bei der Fachkräftevermittlung geht es um Erwerbsmigration. Diese ist von der Fluchtmigration zu unterscheiden. Die Fachkräfte werden bereits gezielt im Ausland rekrutiert und in der Regel rund sechs Monate bereits im Heimatland auf Beruf und Leben in Deutschland gründlich vorbereitet. Für die proaktive Anwerbung von Fachkräften im Ausland gibt es bereits jetzt klare gesetzliche Bestimmungen. In Ländern wie Afghanistan oder Marokko beispielsweise dürfen private Anbieter aus Deutschland keine Pflegefachkräfte anwerben und ausbilden, weil die Fachkräfte in ihren Ländern dringend benötigt werden.

 

Wer bezahlt diese Sprachkurse im Ausland, beispielsweise für die Altenpflegerinnen in Mexiko?

 

Die Unternehmen sind Auftraggeber und bezahlen für die Rekrutierung und Ausbildung ihrer Fachkräfte.

 

Wie teuer ist das?

 

Als Faustregel kann man etwa von 5.000 Euro für die Sprachausbildung von A1 bis B1 ausgehen. Manche Unternehmen zahlen ihren angehenden Fachkräften zudem eine monatliche Lebensbegleitung, damit sie sich voll auf ihre Sprachausbildung in ihrem Heimatland konzentrieren können. Wenn die Pflegekräfte, aber auch andere Fachkräfte in Deutschland angekommen sind, dann folgen hier in der Regel weitere Sprachkurse bis zum B2-Niveau. Den müssen sie auch bestehen, um als Pflegefachkraft die berufliche Anerkennung zu erhalten. Davor sind sie als Pflegehelferinnen tätig.

 

Das ist ja ein hohes Investment für die Firmen und Kliniken?

 

Es gibt keine Alternative, weil die Fachkräfte hier in Deutschland dringend gebraucht werden.

 

Gilt das auch, wenn Deutschland in eine Rezession gleitet?

 

Der Fachkräftemangel wird bleiben, selbst wenn sich die Wirtschaftslage eintrüben sollte, denn Unternehmen bauen dann vor allem im Management ab oder in Bereichen, die sich leicht digitalisieren lassen. Fachkräfte, beispielsweise im Pflegebereich, Bau- und Handwerk sind davon nicht betroffen.

 

Wie viele Flüchtlinge und Migranten schult Berlitz in 2019 in Deutschland?

 

Bei den Integrationskursen sind es rund 5.600 und bei den Deutschförderkursen knapp unter 10.000 Personen.

 

Wie hoch der Fachkräftemangel in einer Region und bestimmten Branche ist, können Berlitz-Centerleiter über diesen Kompass abrufen: https://www.kofa.de/fachkraefteengpaesse-verstehen/regionale-engpaesse

 

Hintergrundinformationen zu Berlitz

1878 startete Berlitz als reines Spracheninstitut. Inzwischen hat sich das Unternehmen zu einem globalen Bildungsdienstleister für Sprachkompetenz, interkulturelle Kompetenz sowie Management- und Führungskompetenz entwickelt. Berlitz ist mit heute rund 500 Centern in 70 Ländern weltweit einer der größten Weiterbildungsdienstleister. Bundesweit gibt es 55 Standorte. Die rund 2.000 Mitarbeiter bundesweit kommen aus über 40 Nationen. Der Jahresumsatz in Deutschland liegt bei rund 74 Millionen Euro.